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Gepostet by on Okt 21, 2019 in Blog |

Interview zum Thema „Geschlechtergerechtigkeit im Dritten Sektor“

Auch in NGOs, gemeinnützigen Organisationen und vielen Stiftungen sind immer noch deutlich mehr Männer in Führungspositionen beschäftigt als Frauen. Über die Gründe hierfür und was man dagegen tun kann spricht Carola von Peinen, Geschäftsführerin von Talents4Good, mit Dr. Felix Kolb, Geschäftsführender Vorstand bei Campact, und Helene Wolf, Vorstand bei FAIR SHARE of Women Leaders e.V.

Carola von Peinen: Helene, Du hast FAIR SHARE mitgegründet um dich für ein neues, feministisches Verständnis von Führungs- und Organisationskultur einzusetzen und mindestens 50% der Führungspositionen mit Frauen zu besetzen. Wieso braucht der gemeinnützige Sektor das?

Helene Wolf: Ich habe vorwiegend mit großen NGOs gearbeitet und war ich in den Gremien nicht nur immer die jüngste, sondern gehörte auch einer Minderheit von Frauen an. Oft habe ich mich gefragt ‚Ist hier eigentlich Platz für mich?‘. Im Nachgang der #MeToo-Debatte gab es dann auch schockierende Berichte über Machtmissbrauch und sexuelle Ausbeutung in unserem Sektor. Das hat mich dazu bewogen, diesem Thema mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen und die Idee von FAIR SHARE war geboren. Zunächst haben wir uns die Daten angesehen, um zu prüfen, ob unser Bauchgefühl uns nicht täuscht. Das Ergebnis: Oftmals sind etwa 70% Frauen in der Belegschaft und nur 30% in Führungspositionen.

Carola von Peinen: Ist dies im Vergleich zur klassischen Wirtschaft schlechter oder besser?

Helene Wolf: Im Vergleich zur klassischen Wirtschaft ist dies ähnlich, doch die Wirtschaft ist bereits weiter, denn der Druck aufgrund von ersten Quotenregelungen ist schon höher. Was in unserem Sektor auffällig ist, ist die Tatsache, dass sich viele Organisationen in ihrer Arbeit für Frauen- und Mädchenrechte und Gleichberechtigung einsetzen, aber dies nicht in der eigenen Organisation umsetzen. Insofern ist die Glaubwürdigkeitslücke und die Verantwortung in unserem Sektor deutlich höher.

Carola von Peinen: Wie erklärt Ihr euch diese Diskrepanz?

Helene Wolf: Die Strukturen in der Arbeitswelt und die Hierarchien, die dort herrschen, wurden jahrelang um Männer herum aufgebaut. Es fehlt bisher an Strukturen, um Vielfalt und Diversität systematisch zu fördern.

Carola von Peinen: Euer erster Monitor auf internationaler Ebene hat ergeben, dass nur zehn von 30 Organisationen den Kriterien von FAIR SHARE standhalten. War das überraschend für Dich?

Helene Wolf: Hier ging es um die internationalen Sekretariate der großen NGOS. Viele der Organisationen kamen aus den USA, einige aus UK, aber auch aus anderen Ländern. Das Ergebnis an sich hat mich nicht überrascht, umso mehr aber die Tatsache, wie gering das Interesse ist, etwas zu ändern. Nur wenige haben die Selbstverpflichtung, mindestens 50% der Führungspositionen mit Frauen zu besetzen, unterschrieben, der überwiegende Anteil nicht.

Carola von Peinen: Felix, Euch beschäftigt dieses Thema ja schon einige Jahre und ihr habt die Selbstverpflichtung unterschrieben. Was habt Ihr schon unternommen?

Dr. Felix Kolb: Wir haben Campact zu dritt gegründet, 3 Männer – gute Freunde. Da hatten wir anfänglich eine ganz schöne Schieflage. Das wurde uns von Anfang an kritisch gespiegelt, so dass wir schnell Handlungsbedarf gesehen haben. Aber wir konnten dieses Missverhältnis auf Führungsebene erstmal nicht beheben. Diese Situation auszuhalten und sich trotzdem damit auseinander zu setzen, war nicht einfach.

Die zentrale Frage war: Was können wir tun, um für Frauen auch in Führungspositionen ein attraktiver Arbeitgeber zu werden. Die erste Maßnahme war ein transparentes Lohnsystem, bei dem wir nach TVöD vergüten und damit verhindern, dass Männer bei Gehaltsverhandlungen durch ein besonders selbstbewusstes Auftreten höhere Gehälter heraushandeln als Frauen mit gleicher Qualifikation. Ein weiteres Kriterium ist, dass Elternzeit und Mutterschutz bei der Gehaltsentwicklung berücksichtigt werden. Außerdem unterstützen wir Männer sehr, die genauso viel Elternzeit nehmen wie Frauen. Frauen sollen nicht bestraft werden, wenn sie sich entschließen, Kinder zu bekommen. Eltern können ihre Arbeitszeit befristet auf 32 Stunden reduzieren. Dies hat über die Jahre dafür gesorgt, dass wir immer mehr gute Bewerbungen von Frauen bekommen haben und mittlerweile sechs von neun Teamleiter*innen Frauen sind.

Carola von Peinen: Was wollt ihr bei Campact ändern, um noch mehr Frauen in Führungspositionen zu erreichen?

Dr. Felix Kolb: Da Campact ursprünglich sehr Männer-lastig war, habe ich häufig gehört, dass sich manche Frauen erst gar nicht bei uns bewerben wollten. Diesen Teufelskreis haben wir zum Glück durchbrochen. Wenn man zeigt, dass auch Frauen in Führungspositionen vertreten sind, bewerben sich potenziell mehr Frauen. Gemeinsam mit Talents4Good haben wir unsere Stellenangebote so formuliert, dass sie Frauen und Männer gleichermaßen ansprechen. Die meisten unserer Teamleitungen sind ehemalige Mitarbeiter*innen.

Damit dieser Wechsel funktioniert, ist es nötig Angebote für Fortbildungen zu machen, um sie dabei zu unterstützen, in die neue Rolle hineinzufinden. Bei Führung geht es ja auch um Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen, also um die emotionale Intelligenz und die ist bei Frauen durch ihre Sozialisation meistens stärker ausgeprägt. Da haben Frauen einen klaren Vorteil.

Zwei unserer besten Campaignerinnen haben wir verloren, weil sie Geschäftsführerinnen von NGOs geworden sind. Das freut uns sehr. Die Sichtbarkeit von Frauen in Führungspositionen im Dritten Sektor muss gestärkt werden. Auch die Repräsentation nach außen, auf Kongressen oder bei Podiumsdiskussionen, sollte nicht nur bei Männern liegen.

Helene Wolf: Diese Strahlkraft ist meines Erachtens eine große Baustelle bei vielen Organisationen, das Bewusstsein dafür fehlt völlig.

Carola von Peinen: Ein ganz wichtiger Punkt ist, was ihr beide gerade angesprochen habt: Die Kraft der Vorbilder.

Helene Wolf: Die Vorbildfunktion ist so wichtig, Frauen müssen sichtbarer sein, damit andere sehen, dass es funktionieren kann. Deshalb ist auch unsere Selbstverpflichtung so wichtig, um diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Carola von Peinen: Welche Rolle spielt die „Unbewusste Diskriminierung“ in der Rekrutierung? Ein Beispiel: Eine Stiftung sucht eine Assistenz für den Vorstand. Bei der Durchsicht der Bewerbungen haben wir uns bei den Männern oft gefragt, ob er auf Dauer in einer Dienstleisterposition arbeiten will. Bei weiblichen Bewerberinnen kam uns diese Frage nicht in den Sinn. Wir haben uns diese unbewusste Diskriminierung bewusst gemacht, um diesem Problem entgegenwirken zu können. Wie sind da eure Erfahrungen?

Dr. Felix Kolb: Bei Campact achten wir bei Bewerbungen darauf, keine Fotos zu haben, denn das Aussehen eines Menschen ist bei den Stellen, die wir zu besetzen haben, irrelevant dafür, die am besten geeignete Kandidat*in zu finden. Für die Zukunft wäre es interessant, noch einen Schritt weiter zu gehen und alle Informationen zu entfernen die zu potenzieller unbewusster Diskriminierung führen. (Name, Alter, Herkunft, etc. …)

Helene Wolf: Beim Thema „Unbewusste Diskriminierung“ sind die USA schon recht weit. Es gibt inzwischen Trainingskonzepte und Tests um zu erreichen, dass bewusster damit umgegangen wird. Ein weiterer Weg ist es, sich den Bewerbungsprozess genau anzuschauen: Was sind die Kriterien? Wer wählt mit aus? Wie kommt die Entscheidung zustande?

Carola von Peinen: Helene. Bald wird es ja den FAIR SHARE Monitor auch für Deutschland geben. Was sind Deine Erwartungen? Was bietet ihr den Organisationen an?

Helene Wolf: Es gibt ein paar Studien, die darauf schließen lassen, dass das Ergebnis für Deutschland nicht besser sein wird, eher im Gegenteil. Wir bitten aktiv die größten NGOs und Stiftungen um ihre Daten von Frauen in Führungspositionen und um die Unterzeichnung unserer Selbstverpflichtung. Zudem kann jede Organisation freiwillig mitmachen. Die Veröffentlichung ist kurz vor dem Weltfrauentag Anfang März geplant. Danach begleiten wir die Organisationen, die die Selbstverpflichtung unterschrieben haben und möchten deutschlandweit ein Netzwerk aufbauen für Frauen in Führungspositionen.

Dr. Felix Kolb: Ich möchte gerne nochmal betonen, dass die Initiative von FAIR SHARE ein tolles und wichtiges Projekt ist und dass ich stolz bin, dass Campact sie unterstützt.

Carola von Peinen: Vielen Dank, Helene und Felix, für das spannende Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

 

Übrigens:

Die vom Bundesverband Deutscher Stiftungen und PHINEO kürzlich veröffentlichte Studie “Mind the gap – wie geschlechtergerecht arbeiten deutsche Stiftungen?” bestätigt die ernüchternden Zahlen zur Verteilung von Männern und Frauen in Führungspositionen: In 72 Prozent der Stiftungen sind Frauen im Leitungsgre­mium in der Minderheit; in 29 Prozent der Stiftungen sind ausschließlich Männer im Leitungsgremium vertreten.

Hier geht’s zum Download.

 

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